Die Ergebnisse des 2023 erstmals veröffentlichten österreichischen LGBTIQ+ Gesundheitsberichts sind eindeutig: Der Gesundheitszustand der befragten lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen in Österreich ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung schlechter. So stuften elf Prozent der Befragten ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht ein, 29 Prozent als mittelmäßig – in der österreichischen Gesundheitsbefragung 2019 waren es im Vergleich noch sechs bzw. 19 Prozent. Besonders gravierend sind die Unterschiede im Bereich der psychischen Gesundheit: Hatten in der Gesamtbevölkerung sechs Prozent eine Depression, so waren es unter den LGBTIQ+-Personen 53 Prozent.
Diskriminierung macht krank
Ähnliche Ergebnisse kennt man aus internationalen Studien schon lange. Und auch eine zentrale Ursache des schlechten Gesundheitszustands ist längst bekannt: die Diskriminierung auf vielen Ebenen, die queere Menschen nach wie vor erleben – auch im Pride Month. Denn Vorurteile, Mobbing, Übergriffe und LGBTIQ+-feindliche Gesetze bedeuten für LGBTIQ+-Personen massiven Stress. Dieser wiederum kann sich negativ auf die psychische wie auch die körperliche Gesundheit auswirken.
Angst vor schlechter Behandlung
Umso wichtiger ist es für LGBTIQ+-Personen, diesem Stress nicht zusätzlich ausgesetzt zu sein, wenn sie Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen wollen. Doch die Realität zeigt: Auch im Gesundheitswesen erleben LGBTIQ+-Personen Diskriminierung. Im LGBTIQ+-Gesundheitsbericht sprachen die Befragten beispielsweise von unangebrachten Kommentaren, von Beleidigungen oder vom Druck, sich bestimmten Behandlungen unterziehen zu müssen. Häufige Konsequenz für LGBTIQ+-Personen: Sie meiden das Aufsuchen von Ärzt:innen. Fast die Hälfte der Befragten gab im österreichischen LGBTIQ+ Gesundheitsbericht an, trotz gesundheitlichen Bedarfs keine Gesundheitseinrichtungen in Anspruch genommen zu haben – aus Angst, dort nicht gut behandelt zu werden.
Vertrauen stärken
Welchen Unterschied bereits die Haltung von Angehörigen der Gesundheits- und Sozialberufe bewirken kann, zeigt exemplarisch ein 2012 veröffentlichtes Schulungsvideo aus Uruguay, das sich an Gesundheitsfachkräfte wendet. Im Video des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) treffen vier Patient:innen auf ihre Ärzt:innen – und bekommen je nach Haltung und Kommunikation der Ärzt:innen deutlich unterschiedliche Informationen und Behandlungen.
Sichtbar wird: Wenn Ärzt:innen etwa selbstverständlich von einer heterosexuellen Partnerschaft ihrer Patient:innen ausgehen, kann das zu Fehlern in der Anamnese, Diagnostik und Therapie führen. Wenn sie allerdings Offenheit für vielfältige Identitäten zeigen, wird das Vertrauen der Patient:innen gestärkt – und macht es ihnen einfacher, mit ihrer queeren Identität in der Arztpraxis offen umzugehen. All dies trägt zu einer besseren medizinischen Versorgung bei.
Eine solche LGBTIQ+-freundliche Versorgung bieten immer mehr Ordinationen an. Beispielsweise eröffnete im Jahr 2025 in Wien die Teampraxis im 6. – die erste Primärversorgungseinheit mit Schwerpunkt Transgender-Medizin. Auch weitere PVE sind hinsichtlich LGBTIQ+-Patient:innen sensibilisiert; 2026 werden weitere PVE und Gruppenpraxen mit Schwerpunkten starten, die besonders für LGBTIQ+-Patient:innen relevant sind.
Unterstützung für Gesundheits- und Sozialberufe
Zahlreiche Materialien wenden sich speziell an Gesundheitsfachkräfte, um sie für die Bedürfnisse von LGBTIQ+-Personen zu sensibilisieren:
- Das BMSGPK veröffentlichte 2023 die Broschüre „Vielfalt willkommen heißen. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Gesundheitsversorgung“ sowie ein kostenloses E-Learning Tool zu LGBTIQ+.
- Auch das EU-Projekt „HEALTH4LGBTIQ“ entwickelte Trainingsmaterialien für medizinische Fachkräfte.
- Einen Leitfaden für die sensible Behandlung von queeren und trans Patient:innen gibt es darüber hinaus auf queermed.at.
- Der Verein Nicht Binär (Venib) veröffentlichte Empfehlungen für eine gendersensible Praxis im Umgang mit trans, inter und nicht-binären Patient:innen.
- TransInterQueer und der Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich informieren in ihrer Broschüre Ärzt:innen, Therapeut:innen und weitere pflegende und medizinische Berufsgruppen zum Thema Intergeschlechtlichkeit.
Gesundheitsgerechtigkeit ist nicht nur im Pride Month wichtig
Der Pride Month erinnert jeden Juni an die Stonewall Riots von 1969 – ein Meilenstein im Kampf für die Rechte von LGBTIQ+-Personen. Doch bis heute bleibt viel zu tun. Aktiv gegen Diskriminierung vorzugehen und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich LGBTIQ+-Personen respektvoll behandelt fühlen, ist deshalb die Aufgabe der gesamten Gesellschaft – und zwar das ganze Jahr über, nicht nur im Pride Month.